2 x Franz

Foto Franz Kafka © Archiv Klaus Wagenbach

Im Frühjahr 1920 hält sich Franz Kafka zur Kur in Meran auf. Gerade zu dem Zeitpunkt, als die ein Jahr zuvor beschlossene, umstrittene, Annexion Südtirols an Italien vollzogen wird. Am Tag seiner Ankunft wird das Andreas-Hofer-Denkmal am Bahnhof eingeweiht und am 9. Mai findet dort eine Kundgebung für die Autonomie Südtirols statt. Auch wenn Kafka sich unter die Demonstrierenden mischt – er ist lediglich Zaungast. Ihn beschäftigen andere Themen wie der latente Antisemitismus anderer Kurgäste und vor allem seine aufflammende Liebe zu Milena Jesenská. Davon zeugen die in Meran entstandenen Briefe. Der an Tuberkulose Erkrankte trinkt sich an Orangenlimonade satt und genießt das Luftbaden auf dem Balkon der Pension Ottoburg.

Die Pension Ottoburg in Untermais/Meran.
Die Pension Ottoburg in Untermais
© Foto-Archiv Bernhard Johannes

Zwei Kilometer entfernt sitzt der wohlhabende Weinhändler und Kunstsammler Franz Fromm auf Schloss Rametz und schreibt Briefe, in denen der Umbruch in Südtirol das zentrale Thema ist. Als Deutscher im nun italienischen Südtirol fürchtet Fromm um seinen Besitz. Aber nicht nur das: sein bei zwei englischen Banken deponiertes Vermögen soll für Reparationszahlungen verwendet werden. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte der in Preußen geborene, lange Zeit in Spanien lebende, mit einer Peruanerin verheiratete Fromm für sich und seine Kinder im weltoffenen Meran ein ideales Zuhause gefunden. Nun zwingt ihn die neue Weltordnung, seine nationale Zugehörigkeit zu überdenken – mit überraschendem Ergebnis.

Schloss Rametz in Obermais/Meran
Schloss Rametz in Obermais
© Foto-Archiv Bernhard Johannes

Die für diese Präsentation ausgewählten Briefzitate des in Böhmen geborenen Schriftstellers Kafka und des preußischen Kunstsammlers Fromm erlauben einen Einblick in eine schwierige und für die Zeitgenossen verwirrende Phase der Geschichte Südtirols. Sie lassen ahnen, welche Konsequenzen die auf politischer Ebene getroffene Entscheidung für Einzelne haben konnte. Nicht zuletzt verdeutlichen sie, dass Kurgäste wie Franz Kafka Meran anders wahrnehmen als jene Menschen wie Franz Fromm, denen die Stadt Wohnort und Zuhause ist.

Ein Ort, zwei Perspektiven: 2 x Franz.

(Ottilie “Ottla” Kafka (29.10.1892 – 7.10.1943) war die jüngste Schwester von Franz Kafka. Der Journalist und Schriftsteller Max Brod (27.3.1884 – 20.12.1968) war ein enger Freund.)

Ursprünglich hatte Franz Kafka in die Bayerischen Alpen fahren wollen, um dort zu kuren. Doch wegen des in den Kurorten herrschenden Mangels wurde eine „Fremdensperre“ verhängt und eine Einreise unmöglich. So fiel seine Wahl kurzentschlossen auf Meran. Von Anfang April bis Ende Juni verweilte er dort. Literarisch war er kaum aktiv, keine Erzählung ist dort entstanden, jedoch die berühmten „Briefe an Milena“. Ein Jahr zuvor hatte die aus Prag stammende Journalistin ihn gebeten, Texte von ihm ins Tschechische übersetzen zu dürfen, es war zu einer kurzen persönlichen Begegnung gekommen. Flüchtig kannten die beiden sich schon vorher. Erst aber jetzt, durch den brieflichen Gedankenaustausch, entflammt die Liebe beider füreinander; Kafka ist wie berauscht. Direkt von Meran aus wird er nach Wien fahren und vier Tage mit Milena verbringen. Noch ahnt er nicht, dass die Leidenschaft keinen Bestand haben und bald schon wieder verlöschen wird.

Zeitungstitelblatt 11. Mai 1921
Bericht über die Kundgebung am 9. Mai 1920

Während Kafkas Gedanken also in den drei Monaten seines Meraner Aufenthaltes vor allem in Wien und Prag weilen, ist Franz Fromm intensiv mit den Geschehnissen vor Ort beschäftigt. Noch ist ihm völlig unklar, was die neue politische Situation in Südtirol für ihn und seine Familie bedeutet. Auf Grundlage der im Friedensvertrag von Saint Germain festgelegten Beschlüsse hatte die italienische Regierung begonnen, die Staatsbürgerschaft aller in Südtirol Ansässigen neu zu ordnen. Automatisch die italienische Staatsbürgerschaft erhielt, wer hier geboren war, über Besitz verfügte und vor dem Kriegseintritt Italiens am 24. Mai 1915 in einer Gemeinde heimatberechtigt war. Das betraf den Großteil der Bevölkerung. Eine zweite Gruppe von Bewohner*innen hatte das Recht unter bestimmten Bedingungen für Italien zu optieren: sie mussten in der Gemeinde, in der sie wohnten, nach dem Kriegseintritt Italiens Heimatrecht erlangt haben.

Zeitungsausschnitte rund um die Option
Von Franz Fromm gesammelte Zeitungsausschnitte rund um die Annexion

Die Zugehörigen der dritten Gruppe, die diese Voraussetzungen nicht erfüllten, waren nichtoptionsberechtigt, konnten aber ein besonderes Ansuchen stellen, solange sie (1) seit mindestens 20 Jahren in den nun neuen Provinzen ansässig waren, (2) Italienisch in Wort und Schrift beherrschten, (3) die Zusicherung über die Aufnahme in den Heimatverband einer Südtiroler Gemeinde im Falle der Annahme des Gesuches vorweisen konnten und (4) in den neuen Provinzen seit wenigstens zehn Jahren über unbeweglichen Besitz verfügten.  

Brief mit Stempel "Franz Fromm. Schloss Rametz"
Dank der Kopien, die Franz Fromm von seinen Briefen aufbewahrt hat, lässt sich der Vorgang Schritt für Schritt rekonstruieren

Aus Angst, sonst seinen Besitz zu verlieren, hatte sich Fromm entschlossen (obwohl er eigentlich zu keiner der drei Gruppen gehörte) für sich und seine Kinder um die italienische Staatsbürgerschaft anzusuchen. Alle drei – Luisa, Zoila und Paco – waren in Barcelona geboren und besaßen die spanische Staatsbürgerschaft. Zu diesem Zweck hatte Fromm bereits um die Aufnahme in den Heimatverband von Obermais gebeten. Obermais war zu diesem Zeitpunkt noch eine von Meran unabhängige Gemeinde. Den positiven Bescheid des Heimatverbandes erhielt er am 2. April 1920, also einen Tag vor Kafkas Ankunft. Auch die Fähigkeit, Italienisch in Schrift und Wort zu beherrschen, hatte er sich bestätigen lassen. Doch die beiden anderen Voraussetzungen konnte er nicht erfüllen: erst seit 1905 lebten er und seine Kinder in Meran und nicht schon, wie gefordert, seit 20 Jahren. Auch über unbeweglichen Besitz verfügte er nicht, hatte er sich doch immer gescheut, in Meran ein Haus zu kaufen. Dennoch wollte es Fromm auf einen Versuch ankommen lassen.

Nachweis vom Heimatverband
Bestätigung des Obermaiser Heimatverbandes

Als ihn nun im Juni 1920 die Nachricht erreichte, dass nicht nur sein Besitz in Italien, sondern auch sein Vermögen in England gefährdet sei, das er bei den Banken J. H. Schröder & Co und Frederik Huth & Co deponiert hatte, verschärfte sich die Situation für Fromm beträchtlich. Wahrscheinlich um nach England hin zu signalisieren, auf keinen Fall nach Deutschland zurückkehren zu wollen, und um wenigstens nun „unbeweglichen Besitz“ nachweisen zu können und das Heimatrecht zu erwerben, sollte Fromm im Sommer 1921 die Villa Freischütz kaufen. Erst am 2. April 1920 war der Mietvertrag für seine Gemächer auf Schloss Rametz verlängert worden, wohl war es dann aber zu Unstimmigkeiten zwischen ihm und dem Schlossbesitzer Ernst Boscarolli gekommen. Das beförderte seinen Entschluss zusätzlich.

Familie Fromm mit Ernst Boscarolli
Zoila Fromm, Paula Litzinger, Jorge Fromm, unbekannt, Franz Fromm, Paco Fromm, Ernst Boscarolli im Innenhof von Schloss Rametz (ca. 1916)

Gleichzeitig ließ ihn die Nachricht betreffs seines englischen Vermögens nun aber an der Richtigkeit seines Entschlusses zweifeln. War es wirklich klug, die italienische Staatszugehörigkeit anzunehmen? Noch wusste er nicht, dass sein Ansuchen sowieso abgelehnt werden würde. Über Monate versuchte er verzweifelt, an verlässliche Informationen zu kommen und schrieb zu diesem Zweck Briefe in alle vier Himmelsrichtungen. Den entscheidenden Hinweis erhielt er dann ausgerechnet von den Mitarbeitern einer der beiden englischen Banken.

Franz Fromm am Schreibtisch auf Schloss Rametz
Franz Fromm an seinem Schreibtisch auf Schloss Rametz

Ein Angestellter namens Podeshwa setzte sich beherzt für Fromms Anliegen ein. Er ließ ihm ausrichten, er solle sich für staatenlos erklären lassen, dann stünde ihm sein Vermögen wieder zur Verfügung. Zwar machte die Nachricht Fromm wieder Hoffnung und gab seinen verzweifelten Bemühungen ein konkretes Ziel – verzweifelt blieben sie dennoch. Denn nur nach monatelangem Ringen und vielerlei Schachzügen gelang es ihm schließlich sich einen Nachweis ausstellen zu lassen, dass er mit dem Wegzug aus Deutschland nach Barcelona 1885 sich aus der Matrikel des Konsulates hatte löschen lassen (im oben zitierten Brief vom 28. Dezember 1922 schreibt er fälschlicherweise 1895). Tatsächlich hatte er seine deutsche Staatsbürgerschaft damals beibehalten und es scheinen Bestechungsgelder geflossen zu sein, um das Gegenteil behaupten zu können.

Bestätigung des Generalkonsulats
Bestätigung des Generalkonsulats

Wann er damit wieder Zugang zu seinem Konto in England hatte, ist nicht bekannt. Dass er letztendlich jedoch Erfolg hatte, davon berichtet ein Brief seiner Tochter Luisa vom Juni 1923. Wie hoch die Summe war, um die es ging, müssen zukünftige Forschungen zeigen. Da es sich aber hauptsächlich um Vermögen handelte, das Fromms Kinder von seinem Schwiegervater Christian Hilliger geerbt hatten und dieser in Südamerika durch Salpeter zum Millionär geworden war, wird es nicht unerheblich gewesen sein. Doch auch wenn die Nachwirkungen des Ersten Weltkrieges noch aus anderen Gründen Fromms finanzielle Lage erheblich komplizierten, so musste er keine Not leiden. Im Zweifelsfall hätte er immer noch seine kostbare Sammlung an Kunstschätzen veräußern können.

„Gefühlt“ befand sich Fromm jedoch in einer Notlage. Keines seiner drei noch lebenden Kinder (Sohn Jorge war 1918 an den Folgen der Spanischen Grippe gestorben) hatte einen Beruf erlernt. Er fühlte sich nicht nur für sie verantwortlich, sondern auch für die beiden mit im Haushalt lebenden ehemaligen Gouvernanten Zora Vipauc und Paula Litzinger. Beide hatten, so schreibt er in dem oben zitierten Brief vom 6. Januar 1923 an seine Schwägerin Isabel Ugarte, bereits 16 Jahre lang treu bei ihnen ausgehalten. Insgesamt wollten also sechs, ihn eingeschlossen, Personen versorgt werden. Die Monate, in denen Franz Fromm um sein Vermögen rang, erschütterten den damals bereits weit über 60jährigen nachhaltig.

Ausweis Franz Fromm
Unter dem Punkt “Nationalität” steht “apolide” – staatenlos

Die Frage, welche Staatsangehörigkeit er annehmen sollte, war dabei weniger eine emotionale als eine taktische Entscheidung. In einem Brief vom 26. Juni 1920 an Schröder erklärt er, die italienische Staatsbürgerschaft nur annehmen zu wollen, wenn er damit tatsächlich wieder an sein Vermögen käme. Am liebsten hätte er zweifellos seine deutsche Staatsangehörigkeit behalten. Denn obwohl (oder vielleicht gerade weil?) Fromm bereits mit noch nicht einmal 30 Jahren sein deutsches Heimatland für immer verlassen hatte, fühlte er sich durch und durch als Preuße. Kafka scheint die eigene nationale Zugehörigkeit – nach dem Ersten Weltkrieg galt er als Sudetendeutscher – übrigens weniger beschäftigt zu haben.

Vielleicht sind Franz Kafka und Franz Fromm in jenem Frühling vor hundert Jahren auf der Kurpromenade aneinander vorbeigeschlendert und haben sich höflich gegrüßt. Und sind dann unter den blühenden Bäumen weitergegangen: Kafka schon in Gedanken den nächsten Brief an Milena formulierend, Fromm sich fragend, an wen er sich in seiner Not noch wenden könnte, beide mit langsamen Schritt.

Franz Fromm mit Paula Litzinger
alles Bild- und Filmmaterial zu Franz Fromm © Stiftung Navarini-Ugarte


Übersetzungen der englischen Briefe von Franz Fromm:

29. April 1920 / Huth / Sehr geehrte Herren, / … Sie werden gewiss meine Sorge verstehen, meinen Kindern ihr Eigentum zu sichern, und daher bitte ich Sie unverzüglich uns darin behilflich zu sein, meinen Kindern ihr rechtmäßiges Erbe zu beschaffen. / Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen / Ihr / [Franz Fromm]

[Nach dem 30. März 1920] / Fredrk Huth & Co / J. Henry Schroeder / 145 Leadenhallstreet / … Ich habe mit meiner Familie in Barcelona gelebt, wo ich meinen Aufenthalt lediglich dazu unterbrach, bisweilen nach Meran zu reisen, wo ich mich von einem Herzleiden erholte. Während meines Aufenthalts in Meran brach der Krieg aus und ich sah mich gezwungen, dort bis heute zu bleiben … Keines meiner Familienmitglieder war am Krieg beteiligt, noch waren wir in Deutschland, wo wir auch in Zukunft nie leben werden … / Hochachtungsvoll Ihr / [Franz Fromm]

Meran, den 27. Juni 1920 / An die Herren J. Henry Schroeder & Co / Leadenhallstreet 145, London / Sehr geehrte Herren, / … Diesbezüglich habe ich mit den hier ansässigen italienischen Zuständigkeiten konferiert und man versicherte mir, ich könne unverzüglich die italienische Staatsbürgerschaft erhalten. Jedoch wage ich nicht, diesen Schritt der Option für Italien zu unternehmen, solange mir die englische Regierung nicht bestätigt, dass das Guthaben hernach tatsächlich meinen Kindern überlassen wird. / [Franz Fromm]

Kopie der Briefe an Schröder & an Huth den 24. November 1920 / Sehr geehrte Herren, / … Da wir hier in Obermais seit über 10 Jahren unseren Wohnsitz haben, sind wir automatisch italienische Staatsbürger geworden, worüber ich Ihnen das behördliche Dokument übersende. / [Franz Fromm]


Die Zitate aus Franz Kafkas Briefen sind folgendem Band entnommen:
Hans Gerd Koch (Hg.): Franz Kafka. Briefe 1918-1920,
Frankfurt am Main 2013.


  • Ausführlichere Informationen zu Franz Fromm und der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg sind nachzulesen in: Ariane Karbe und Josef Prackwieser: Das Hausmuseum „Villa Freischütz“ in Meran. Franz Fromm – ein Sammler auf der Suche nach Gemütlichkeit, in: Der Schlern. Monatszeitschrift für Südtiroler Landeskunde, Heft 9, 92/2918, S. 4-33.
  • Von einem vergleichbaren Schicksal in den bewegten Zeiten in Meran nach 1919 ist zu lesen in: Josef Rohrer: Im Besitz von alten Kämpfern. Von der Eroberung einer neuen Provinz, von hochfliegenden Plänen und verlorenen Hoffnungen, in: Sven Mieth, Josef Rohrer und Tiziano Rosani: Geschichte(n) eines Schlosses, Meran 2001.
  • Ein bewegender Lebensbericht über Milena Jesenská ist: Margarete Buber-Neumann: Kafkas Freundin Milena, Berlin 1966.
  • Mehr zu Kafka und seiner nationalen Zugehörigkeit ist zu erfahren in: Jörg Krappmann: Der Sudetendeutsche Franz Kafka. Aus dem Steinbruch der frühen Kafka-Rezeption, in: Steffen Höhne und Manfred Weinberg (Hg.): Franz Kafka im interkulturellen Kontext, Wien 2019, S. 115-137.
  • Kafkas Aufenthalt in Meran wird näher beschrieben in Teil 2 von Reiner Stachs dreibändiger Kafka-Biographie: Reiner Stach: Kafka. Die Jahre der Erkenntnis, Frankfurt am Main 2008.

Wir bedanken uns herzlich für ihre Unterstützung
bei Anton Johannes für das phantastische Foto von der Ottoburg und auch das Foto von Schloss Rametz,
bei Jörg Amonat für die Bildbearbeitung
und bei Inken Kahlstorff für die Übersetzung der Briefzitate.
Ein besonderer Dank geht an Lissa Lobis für die Gestaltung der Briefzitate und das Logo.


Die Präsentation „2 x Franz“ wurde kuratiert von Ariane Karbe.

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